Leseprobe - Mondscheinsinnphonie - Daniel von Trausnitz - Schauspieler | Sprecher | Autor

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

 
 
 
Eine Leseprobe ...

2 Akt
22. Februar 2011, 00:08Uhr

Es war bereits nach Mitternacht. Inzwischen ist es draußen wieder kalt geworden. Ich hasse die Kälte. Ich konnte mich nicht zwischen Melancholie, Frust und Hunger entscheiden. Aufgrund meines verschobenen Tag-Nacht Rhythmus konnte ich ja tagsüber nichts essen und da ich am Abend nicht Frühstücken konnte - was für ein unnützer, nicht zu Ende gedachter Gedanke. Aber, wäre ein Frühstück am Abend dann ein Abendstück? Mit solchen und ähnlich gebrauchslosen Fragen zermarterte sich mein Hirn, dankenswerter Weise, die vergangenen Tage - und "eigentlich" hatte ich auch nachts keinen Hunger ...
Hm ... wie schwammig dieses Wort 'eigentlich' doch ist. Als tritt man in ein waberndes, schlickiges, saugendes Moor aus vielen möglichen Antworten. "Eigentlich" bedeutet eigentlich doch ganz klar und undeutlich "Nee. aber ja, warum nicht". So kommt es dann, das, wenn dich deine Mutter oder Oma, bei einem spontanen, abendlichem Besuch, fragt: „möchtest du etwas essen?“ Was wiederum im Zusammenhang mit Essen völlig egal ist, du dann antwortest: "Eigentlich nicht", du ziemlich flux eine Wurststulle in der Hand hast.
Mitten in diesem Gedanken fiel mir meine Mutter ein und die zwei Dinge, die Mütter erwachsener Söhne niemals wirklich verstehen werden. Tatsächlich ist es so, dass ihr kleiner Prinz auch dann überlebensfähig ist, wenn er sich gerade mal nicht in einer häuslichen Lebensgemeinschaft mit einer Vertreterin des weiblichen Geschlechts befindet.
Einige Zeit zuvor ...
Mein Telefon klingelte. Dank modernster Technik wusste ich schon bei der ersten Vibration meines Mobiltelefons: MUTTER! Dies erkannte ich auch daran, dass mich laut und deutlich das in Großlettern geschriebene Wort "MUTTER" regelrecht anschrie. Und um die Dramaturgie dieses Moments zu unterstützen, erschien in strahlenden Retinafarben und Sonnenentspiegelt ihr Bild im Display. Etwas widerwillig schob ich den virtuellen Gesprächsannahmeknopf nach links ...
Früher hieß es immer "Fass nicht auf die Scheiben", auch das hat sich heute irgendwie verändert, aber das ist ein Thema, auf das ich jetzt nicht näher eingehen möchte.
Wie geschrieben, ich schob den virtuellen Gesprächsaufdrängungsschiebeschalter nach links, berührte ich, da mir die Kraft zum Halten des Telefons fehlte, leicht die virtuelle Taste des Lautsprechers ... als mir schon, im unnachahmlichen Plauderton meiner Mutter folgendes entgegenperlte: „Hast du heute schon was gegessen?" Etwas flapsig antworte ich: "Nein, ich ernähre mich seit Wochen eigentlich ausschließlich von Drogen und Alkohol.“ Im Übrigen ist das Punkt Nummer zwei auf der Liste von Dingen, die Mütter nicht verstehen: Ironie. Ich sah vor meinem
geistigen Auge bereits einen sorgsam zusammengestellten Trupp aus Suchtberatern und Therapeuten vor meiner Türe stehen. Vorneweg meine Mutter, die mir – noch während ich dabei bin, die Wohnungstür zu öffnen – weinend in die Arme fällt und mir verzweifelt „Ich hol dich da raus, mein Liebling" ins Ohr schluchzt. „Hallo? Das war ein Spaß! Klar hab ich was gegessen", klärte ich die Situation umgehend auf. „Soso", entgegnete sie, wobei ich den dumpfen Verdacht nicht loswerden konnte, dass der Hauch eines Zweifels ob meiner eben getätigten Aussage nicht von ihr weichen wollte. Ein „Soso" aus dem Mund meiner Mutter bedeutet nämlich in der Regel so viel wie: "Ich glaub' dir kein Wort!"

„Was hast du denn gegessen?"
Wie sehr meine Mutter und meine Oma sich in dieser Beziehung doch ähneln, aber es heißt ja "der Apfel fällt nicht weit vom Stamm". Irgendwie war es ein erniedrigendes Gefühl: Ich bin Mitte vierzig
und sah mich dennoch dazu gezwungen, meiner Mutter Rede und Antwort. bezüglich intimer Details meines aktuellen Nahrungsaufnahmeverhaltens stehen zu müssen. Umgehend fühlte ich mich mehrere Jahrzehnte zurückversetzt und hörte sie im Geiste und in strengem Tonfall zu mir sagen:
"Und iss nicht wieder so viele Süßigkeiten – es gibt gleich Mittag!"
Da mir nicht der Sinn nach weiteren Diskussionen stand, antwortete ich wahrheitsgemäß: „Tiefkühlpizza".

Nun ist es mit der Wahrheit ja so eine Sache. Einerseits halte ich nicht allzu viel von Lügen. Andererseits kann zur Minimierung des aus dem Gesagten entstehenden Schadens ein zielführendes Wahrheitstuning zuweilen hilfreich sein. Doch dafür war es jetzt leider zu spät ... „Pfui! Dieses Zeug ist doch kein Essen!", wurde ich umgehend aufgeklärt, wobei sie das Wort „Zeug" mit ähnlicher Verachtung herauspresste wie ein Kardinal, der von Empfängnisverhütung spricht.
„Ah ... jetzt wo du es sagst", entgegnete ich mittlerweile hörbar genervt. „Und ich hatte mich noch gewundert, wieso sie die Tiefkühlpizza im Supermarkt plötzlich in der Auslage für Zeitungen verkaufen und nicht mehr im Bereich für die Lebensmittel, wo ich es eigentlich erwartet hätte!" Grübelte ich flüsternd vor mich hin. „Warum wirst du plötzlich so aggressiv? Ich meine es doch nur gut. Mit dir kann man sich gar nicht mehr normal unterhalten!", zischte sie beleidigt.

Stimmt. Das kommt sicherlich davon, dass ich unter extremer Junkfood-Vergiftung und einer damit einhergehenden Unterversorgung meines Gehirns mit Sauerstoff leide. Vielleicht hat es aber auch nur damit zu tun, dass ich mir nach einem harten Arbeitstag durchaus Angenehmeres vorstellen
könnte, als mich von meiner Mutter, aufgrund meines Essverhaltens, wie ein fünfjähriges, vermeintlich hilfloses Kind behandeln zu lassen – wer weiß ... Als sie plötzlich und mehr oder weniger ungeschickt das Thema wechselte. „Was machen eigentlich die Frauen? Hast du endlich wieder jemanden kennen gelernt?". Die Neugier in ihrer Stimme materialisierte sich kryptoplasmatisch und füllte binnen Bruchteilen von Sekunden das komplette Zimmer aus, in dem ich mich befand.

„Ach ja, stimmt!", nuschelte ich und vergaß in meiner Resignation doch tatsächlich erneut Punkt zwei der Liste von Dingen, die Mütter nicht verstehen: „Sie ist Anfang zwanzig, hat drei Kinder von vier verschiedenen Männern und arbeitet momentan in einem Nachtclub. Ich glaube, als Bedienung

Nach einer kurzen Pause

[ … ]


fragte sie: „Kann sie kochen?"


 
 
 
 
Liebe, Leidenschaft und Wahnsinn!

Es heißt, je älter wir werden, umso weniger bedeutet uns die Liebe. Ich weiß, dass das nicht zutrifft. Erstens, weil wir erst einmal wissen müssten, was Liebe eigentlich ist, bevor wir sagen könnten, ob wir im Alter weniger von ihr ergriffen werden. Und zweitens, weil wohl nur wer tot ist, nicht mehr lieben kann. Vielleicht ist Liebe nur ein anderes Wort für Leben? Überdies ist Liebe zu vielfältig, ihre Ziele sind individuell zu verschieden, als dass es einfache Antworten darauf geben könnte, was Liebe wirklich ist. Wenn manche Leute in hochtrabenden Buchtiteln behaupten, sie verstünden etwas von der Liebe, dann zucke ich zusammen. Was die doch alles wissen!

Liebe!

Sie ist die höchste und siegreichste aller Leidenschaften. Ihre Stärke besteht in ihrer schrankenlosen Großmut, in der reinsten Form der Liebe ihrer Uneigennützigkeit, in ihrer aufopferungssüchtigen Lebensverachtung. Für die wahrhaftige Liebe gibt es weder Gestern noch Morgen. Sie existiert in dem Moment den wir Leben nennen. Gibt man solche Antworten, sind die Neurobiologen nicht weit und bescheren uns bunte Quer- und Längsschnitte durch unsere Köpfe. Und weil man alles fragen kann, fragen sich die Hirnforscher auch, wie es das Gehirn mit der Liebe hält. Wie die Silbe „Neuro“ belegt, ist es leicht, irgendwie alles in Hirnforschung zu verwandeln umso das Irrationale in den Griff bekommen zu wollen.
Das ruft nach einer Neurobiologie der Liebe. Andererseits ist es offensichtlich, dass ohne Gehirn kein Verlieben möglich ist. Aber bleiben wir nüchtern. Wenn man uns sagt, dass beim Verlieben ein bestimmtes Hormon an bestimmte Nervenzellen andockt, wissen wir deshalb auch nicht mehr über den Kern der Liebe Aus diesem Grund wird derselbe Forscher, der mit nüchterner Leidenschaft oder leidenschaftlicher Nüchternheit wissen will, wie die Liebe in seinem Kopf funktioniert, im entscheidenden Augenblick, wie alle anderen, keine weiteren Fragen stellen. Man denkt vielleicht auch an die Geschichte aus Platons Dialog Symposion. Sie handelt von den Kugelmenschen, die so mächtig wurden, dass Zeus um seine Alleinherrschaft fürchtete und die Menschen in zwei Teile trennte. Bis heute sind sie so geteilt und suchen ihre fehlende Hälfte. Ohne Fragen zu stellen, doch mit einer unerklärlichen und tiefen Sehnsucht nach ihrer anderen Hälfte. Wenn wir also über die Liebe sprechen wollen, dann sollten wir nicht von der Rationalität der Liebe sprechen, die Platon beschreibt. Denn bei aller Uneinigkeit in der Rede über die Liebe teile ich heute die Überzeugung, dass Liebe kein Produkt des Verstandes ist. Liebe kommt aus dem Bauch, bewegt uns im Herzen, geht an die Nieren, schlägt uns auf den Magen, klingt uns in den Ohren. Wie es aussieht betrifft sie alle Organe des Menschen, nur nicht den Kopf.

Der menschliche Geist steht damit unter einer gewaltigen Spannung, und diese Spannung hat einen Pegel erreicht, der an Wahnsinn grenzt. Eine Gesellschaft, die ihr Herz verloren hat, eine Zeit oder Epoche, in der alle Herzenswerte geschwächt wurden, hat alles verloren, was gut, wahrhaft und schön ist. Liebe heißt das Mittel, die Herzen so einzustimmen, dass sie Musik hervorbringen. Die Liebe, die so magisch berauschen und so tragisch weinen lässt, sie ist so wunderbar zärtlich und leicht und doch mit dunklen Nischen der Traurigkeit bestückt, welche uns Zeit unseres Lebens mit Erfahrungen bereichern werden. Adam begegnet der Eva, Kain beneidet den Abel. Die Wirkung von der Magie der Liebe ist in Shakespeares unsterblichem Liebespaar Romeo und Julia figuriert. Sie lebt in den Geschichten von Orpheus und Eurydike, von Odysseus und Penelope, von Tristan und Isolde und in Tränen erstickt bei Werther und Lotte.

"Der Mann liebt die Liebe, die Frau liebt den Mann." Warum sollen wir nicht lieben? Wenn wir stattdessen nichts verlieren, sondern etwas gewinnen? Ist dieses große Gefühl nicht das Wagnis der Verletzung wert?

[...]


 
 
Zu diesem Buch

Daniel von Trausnitz erzählt über das Leiden am Ende einer Beziehung und die Geschichte(s)eines Lebens. Er schildert mit viel Wortwitz die Erlebnisse und Gedanken, in der Zeit in der das Ende der Liebe noch weh tut und der Ärger und die Gleichgültigkeit noch nicht in der Seele Einzug gehalten haben. Kurzum, wir erkennen uns alle wieder und es ist wohltuend zu lesen das man nicht alleine ist!

Daniel von Trausnitz, geboren in Göttingen und aufgewachsen in Mengershausen und Friedland verarbeitet in seinem ersten Buch „Mondscheinsinnphonie … aber es hätte schlimmer kommen können“ das Ende von Beziehungen, den Schmerz und die Trauer des Verlustes.
Neben der Belletristik widmet sich von Trausnitz, dessen Hauptberuf Schauspieler und Sprecher ist, ebenfalls dem Schreiben von Kurzgeschichten, Märchen und Sagen und ist mit verschiedenen Texten immer wieder auf Lesereise oder als Sprecher für Hörbücher aktiv.
Weiteres zum Autor: www.daniel-von-trausnitz.de
Kontakt: daniel@von-trausnitz.com

Ungekürzte Taschenbuchausgabe
1 Auflage Juni 2018
Seiten 136
© Daniel von Trausnitz
2018 Verlag von Trausnitz, Göttingen
Umschlag: Daniel von Trausnitz
Umschlagmotiv: KS & Friends Göttingen/ Jens Krösel
Satz: Verlag von Trausnitz, Göttingen
Foto Bierflasche Seite 97: Christoph Mischke
Zeichnungen & Fotos: Daniel von Trausnitz
Druck und Bindung: wir-machen-druck.de
Printed in Germany
ISBN 978-3-00-059754-1

Preis 8,95 Euro

Sie haben Interesse an einer Autorenlesung oder dem Bühnenprogramm "Monsdscheinsinnphonie"? Infos dazu finden Sie hier >>>
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü